Ökumenisches Gebet am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus
Foto: Michael Legband

75 Jahre nach Kriegsende bringen wir unsere Klage vor Gott, unsere Trauer, unseren Dank und unsere Hoffnung:

Unser Gott, wir denken heute an die Opfer des ersten und des zweiten Weltkrieges, an die unzählbaren Menschen, die durch Kriegshandlungen starben, als Soldaten und Zivilisten, in Gefangenschaft, durch Vertreibung und Flucht. Wir denken an die Menschen, die verfolgt, gequält und ermordet wurden, an die Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen, die Politisch Andersdenkenden, die körperlich und geistig Behinderten.
Wir bitten dich: Höre unsere Klage über das unermeßliche Leid, das von Deutschen über sie gebracht wurde. Schaffe ihnen Gerechtigkeit, wehre ihrer Verhöhnung durch Vergessen, Gleichgültigkeit und Relativierung. Wir bitten dich um Kraft und Mut, dass wir nicht wegsehen und schweigen, wenn sie erneut Hass und Beschimpfungen ausgesetzt sind.

Unser Gott, wir denken heute an die Menschen, die ermordet wurden, weil sie gegen die Gewaltherrschaft Widerstand leisteten, weil sie an ihren Überzeugungen und ihrem Glauben festhielten.
Wir denken heute an die Menschen, die der Krieg entwurzelte, an die Kinder, die allein zurückblieben, an die Menschen, die an Leib und Seele zutiefst verwundet wurden, ihren Familien und sich selbst fremd.
Wir trauern mit ihnen und bitten dich: Höre unsere Klage über ihr Leid.

Unser Gott, undenkbares Leid ist von Deutschen ausgegangen, von Tätern und Mitläufern, von Opportunisten, Wegsehern und den vielen, die in einem System, gebaut aus Angst und Gewalt, den Kopf und die Stimme nicht erhoben.
Wir bitten dich: Hilf, dass nie wieder Menschen diese Wege des Hasses und der Menschenverachtung gehen, dass Angst und Gewalt ihre Macht verlieren vor der Kraft des Friedens, der von dir ausgeht.

Unser Gott, nur noch wenige Menschen gibt es, die von den Schrecken des Krieges, der Konzentrationslager, der Flucht erzählen können.
Wir bitten dich: Lass uns auf sie und ihre Erinnerungen hören, lass sie uns weitergeben, damit auch die nachfolgenden Generationen lernen, Krieg und Gewalt zu verabscheuen.

Unser Gott, wir haben erlebt, wie die Mauer fiel, Ost- und Westdeutschland wiedervereinigt wurden. Wir haben erlebt, dass Israel und Deutschland sich begegnen können, dass es politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt und seit Jahrzehnten unzählige Zeichen der Versöhnung einzelner. Wir erleben, dass in Europa die ehemaligen Kriegsgegner trotz aller Herausforderungen gemeinsam an einer Zukunft arbeiten.
Dafür danken wir dir und bitten dich, schenke uns Verständnis füreinander und Geduld miteinander, damit wir in weiter einer Gemeinschaft leben können, die aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat und in der soziale Gerechtigkeit und Solidarität möglich sind. Lass uns die Mauern, die gefallen sind, nicht an anderer Stelle wieder aufrichten, lass uns aufmerksam sein und widerständig, wo Grenzen wieder hochgezogen werden.

Wir denken an die Opfer der Kriege unserer Tage, an die Opfer von Gewaltherrschaften und politischer und religiöser Verfolgung, an Kinder, Frauen und Männer, die ihr Leben, ihre Gesundheit, Heimat und Lebensgrundlage verlieren, an die unzähligen Flüchtlinge, die auf der Suche nach einer Heimat und einer besseren Zukunft auf dem Weg über das Mittelmeer ums Leben kommen.
Wir trauern um sie.
Und wir bitten dich: Lass uns nicht wegsehen, schenke uns Tatkraft und Bereitschaft denen zu helfen, die unter Gewalt und Krieg leiden, die zu uns kommen auf der Suche nach einem Ort des Friedens für sich und ihre Familien. Stärke unsere Hoffnung auf den Frieden, dass wir angesichts der großen Herausforderungen nicht aufgeben. Erfülle uns mit deinem Geist, dessen Frucht der Friede ist; mach uns zu Werkzeugen deines Friedens.
Amen